So konnte es eskalieren
5 Gründe für das Chaos bei Dynamo gegen Hertha
BZ vom 06.04.2026 von Tim Schlegel und Patrick Franz
Wie konnte es nur zu dieser Eskalation kommen? Diese Frage muss im Mittelpunkt der Aufarbeitung des Skandal-Spiels zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC Berlin stehen. B.Z. listet die Schwachstellen im Sicherheitskonzept des Rudolf-Harbig-Stadions auf.
Wichtig: Die Dresdner Arena ist eigentlich bewährt in der Ausrichtung von Hochrisikospielen. Seit der Eröffnung 2009 kam es noch nie zu einem direkten Aufeinandertreffen rivalisierender Fangruppen. Dennoch ist nach den Ereignissen von Samstagabend der Zeitpunkt gekommen, alles neu zu bewerten. Denn die Probleme wurden von den Chaoten beider Vereine zur Schau gestellt.
Gästeblock zu leicht zu überwinden
Weil Hertha nach der 10-Prozent-Vorgabe der DFL im 30.000-Zuschauer-Stadion ein Kontingent von rund 3000 Tickets zustand, wurde der eigentliche Gästebereich um einen schmalen Teilblock des Heimbereichs erweitert. Doch dieser war nicht mit einer Plexiglas-Umrandung abgetrennt und sorgte dafür, dass mit einem einfachen Sprung der Zutritt zum Innenraum möglich wurde.
Hinzu kommt, dass die Berliner Anhänger sich einen Durchgang zwischen ihren beiden Blöcken schafften, indem sie ein Loch ins Plexiglas rammten. So konnten Hertha-Ultras sich komplett frei bewegen.
Zwar war die Separierung zu den Dynamo-Fans in den angrenzenden Blöcken durch ein Trennnetz gewährleistet, aber es braucht für solche Fälle eine Möglichkeit, den Zugang zum Spielfeld besser zu sichern. Möglich, dass zur festen Plexiglas-Einrichtung eine mobile Zusatzvariante für den Nebenblock angeschafft werden muss, wenn so viele Gästefans bei einem Risikospiel anreisen.
Überfordertes Security-Personal
In den entscheidenden Momenten – also beim Aufeinandertreffen der Fanlager – waren zu wenig Ordner vor dem Hertha-Block zu sehen. Noch dazu schienen sie offensichtlich nicht gut auf eine solche Extremsituation eingestellt. Dabei hatten die Berliner eigene Ordner mitgebracht, um ihre Fans zu begleiten.
Polizei brauchte zu lange
Obwohl 750 Beamte im Einsatz waren, wirkte ihr Auflaufen im Harbig-Stadion verzögert. Die Dresden-Hooligans hatten bereits die Hertha-Kurve erreicht und es kam zu direkten Gewalteinwirkungen inklusive des gegenseitigen Abwerfens mit Pyro-Gegenständen. Dabei hatten die Personen aus dem Dynamo-Block nicht einmal den direkten und kürzesten Weg diagonal übers Spielfeld genommen, sondern waren um den Platz gerannt. Ein deutliches Indiz, dass das Einschreiten der Polizei zu lang dauerte.Erst nach den Vorfällen wurden Polizisten direkt in den Stadionzugängen – den sogenannten Mundlöchern – positioniert, um schneller reagieren zu können.
Pyro-Mengen werfen Fragen auf
Dass auch durch intensive Kontrollen nicht komplett unterbunden werden kann, Bengalos oder Raketen mit ins Stadion zu bringen, ist ein deutschlandweit bekanntes Problem. Die Schwierigkeit in Dresden lag aber an den extremen Mengen, die Hertha-Fans in die Arena schmuggelten. So kam es zu einer dichten Verneblung im Stadion, in welchem Zusammenhang die vermuteten Banner-Diebstähle beider Seiten stattfanden und möglicherweise die Eskalation so erst in Gang kam.
Gästekontingente der Liga im Visier
Auch die oben beschriebene 10-Prozent-Regel in den Statuten des Ligaverbandes, die sich die 36 Klubs selbst gegeben haben, muss infrage gestellt werden. Wenn diese bei einer Hochrisiko-Begegnung nicht erfüllt werden kann, ohne baulich die Sicherheit im Stadion noch zu gewährleisten, muss generell über Reduzierungen für den Heimverein gesprochen werden. Sprich: Flexible Anpassung an die Situation vor Ort geht dann vor.
BZ vom 06.04.2026